02./03. Mai 2026
5. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr A
Evangelium: Joh 14,1-12
Prediger: Florian Joos
«Was ist Wahrheit?», wird Jesus beim Verhör von Pilatus gefragt. Diese Frage ist hochaktuell: «Was ist Wahrheit?»
Denn Falschheit und Lüge sind ausserordentlich in Mode gekommen. Da tut es nebenbei gesagt gut, einen Papst zu haben, der hier und da verlogenen Fassaden einen Hieb versetzt.
Aber wenn Jesus sagt: «Ich bin die Wahrheit», ist damit nicht nur das Gegenteil von Lüge gemeint.
Ich denke, wir sind uns einig, dass die Lüge niemals von Dauer ist. Lüge hat keinen Bestand und auch durch ständige Wiederholung wird sie nicht zur Wahrheit.
Wahrheit aber ist beständig.
Andersherum gesagt: Alles, was in Ewigkeit bestehen kann, ist wahr und alles, was nicht in Ewigkeit besteht, kann nicht die Wahrheit sein.
Auch alles, was dem Tod und der Vergänglichkeit unterworfen ist, kann nicht die Wahrheit sein, auch wenn es noch so schön ist.
Aus diesem Grund sagt die Ordensfrau und Heilige Edith Stein:
«Jeder, der die Wahrheit sucht, sucht eigentlich Gott».
Und wenn wir am Grab eines Menschen stehen und uns überlegen, was von seinem Leben geblieben ist, an was denken wir dann? An die Momente, in denen diese Person geliebt, in denen sie sich in Liebe verschenkt hat.
Am Ende zählt nur das. So steht es auch im 1. Korintherbrief: Ohne Liebe sind wir nur Schall und Rauch, egal, welche Heldentaten wir vollbracht haben.
Vor Gott zählt nur eine Währung: die Liebe und ihre nahen Verwandten: die Dankbarkeit, die Demut, die Hoffnung, der Glaube, die Hingabe, das Vertrauen.
Und weil die Liebe in Ewigkeit Bestand hat, ist sie nichts anderes als die Wahrheit.
Liebe und Wahrheit und Leben, damit ist ein und Dasselbe gemeint: nämlich Gott.
Und Jesus ist der Weg zu Gott.
Seit unserer Taufe und Firmung sind wir in Jesu Fusstapfen unterwegs, aber wir sind es wie Lahme, Blinde und Taube. Wir gehen bequeme Umwege, wir fallen in Schlaglöcher der Versuchung, wir verirren uns im kleinen unwichtigen Alltagsgeschäft, in Geschwätz und Zerstreuung. Wir sind Sünder und Sünderrinnen, wir sind nicht perfekt, wir sind keine Heiligen.
Und beinahe hätte ich noch gesagt: «…und das ist gut so». Klar ist es nicht automatisch lobenswert und gut, Fehler zu machen. Aber die Schlagzeilen über Roboter, die inzwischen besser Schach spielen, schneller laufen und meisterhafter Pingpong spielen als menschliche Profis, haben mich zum Nachdenken gebracht:
Wenn Maschinen in absehbarer Zeit alles besser können als Menschen, was ist dann der wahre Wert des Menschlichen? Die Perfektion kann es jedenfalls nicht sein. Perfektion ist auch nicht der Weg zu Gott.
Was also macht uns Menschen trotz aller Fehler und Schwächen wertvoll und liebenswert?
Ist es nicht auch das, dass wir über unsere Fehler weinen und lachen können, dass wir immer wieder entscheiden können, es besser zu machen?
Und dass sich aus diesem Hinfallen und wieder aufstehen eine einzigartige Lebensgeschichte entwickelt?
Und dass hinter diesem Leben aus Freude und Leid, aus Dankbarkeit und Reue ein freier Wille am Wirken ist und eine Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe, die uns antreibt? Sind Kinder nicht gerade deshalb liebenswert, weil sie nicht alles richtig machen?
Genauso sind wir für Gott seine geliebten Kinder, gerade auch deshalb, weil wir fehlerhaft sind.
Denn die Reue über unsere Schwächen und Fehler treibt uns in Gottes Arme. Darum schreibt Paulus: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10)
Und Jesus ist darum der Weg zu Gott, weil er uns durch sein Opfer am Kreuz frei gemacht hat von unseren Schulden.
Man kann Fehler ignorieren,
man kann sie bestrafen
und man kann sie durch Liebe erlösen.
Gott hat sich bekanntlich für letzteres entschieden. Darum sind wir geheilt durch die Wunden seines Sohnes.
Er hat für uns arme Kinder die sündhaft teure Rechnung bezahlt, damit wir Eintritt haben zum Thronsaal Gottes und zu seinem ewigen Festmahl.
Jesus ist also der Weg, weil wir sicher in Gottes Reich gelangen, wenn wir uns an seiner Hand und an seinem Kreuz festhalten. Jesus ist die Wahrheit, weil die Wahrheit identisch ist mit der Liebe. Und Jesus ist das Leben, weil er eins ist mit dem Vater, dem liebenden Schöpfer allen Lebens.
Wenn uns diese Botschaft in Fleisch und Blut übergeht, dann öffnet sich in unsere Seele ein Raum, in dem wir Gott begegnen und der frei ist von allen Sorgen und Wunden. Wenn wir uns bemühen, zur Ruhe zu kommen und dieser Begegnung immer wieder Zeit und Aufmerksamkeit schenken, dann werden wir verwandelt.
Noch einmal zitiere ich Edith Stein:
„Je gesammelter ein Mensch im Innersten seiner Seele lebt, um so stärker ist die Ausstrahlung, die von ihm ausgeht und andere in seinen Bann zieht.»
Das ist also das wertvollste Geschenk, das wir unseren Mitmenschen machen können:
die innere Sammlung bei Gott,
das Fallen und Aufstehen an der Hand von Jesus,
und ein einfaches Leben im Geist der Wahrheit und der Liebe. Amen
