Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht!

8. November 2025

Dankabend der Pfarreiseelsorge
Lesungen: Jes 49,14-18 / Eph 3,14–21 / Lk 12,4-7

Florian Joos

Als Lehrer weiss ich, wie schwierig es ist, die Namen der Schülerinnen und Schüler zu behalten. Und dabei ist es so wichtig, jedes mit seinem Namen anzusprechen. Denn damit sagen wir: Ich nehme dich wahr als Mensch, nicht als Nummer, ich schätze dich und nehme dich ernst in deiner Einzigartigkeit.

Drei Lesungen haben wir gerade gehört und in jeder finden wir einen Satz, der uns zeigt, wie jeder Mensch
von Gott und bei Gott seinen Namen hat und wie nah Er jeder einzelnen Person ist:

  • «Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben,»
  • «Jedes Geschlecht hat seinen Namen vom Vater im Himmel» und
  • «Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt»

Von Gott her ist das so, es ist ein Faktum unseres Glaubens: Gott ist uns unfassbar nah,  er kennt unsere Namen seit Ewigkeit, und er ist vertraut mit jedem haarkleinen Detail unseres Lebens.

Kommt diese Botschaft bei uns an?

Wir sind die Adressatinnen und Empfänger der grossartigsten göttlichen Liebesbotschaft. Auf die eine oder andere Weise wird genau diese Botschaft jeden Sonntag von der Kanzel verkündet und gepredigt.

Aber empfangen wir sie auch?

Die folgenden Worte von Paulus klingen uns noch in den Ohren: «Ihr sollt dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt.»

Die Liebe Christi erkennen für mich und für dich

in ihrer ganzen fantastischen Grösse und Konsequenz. Machen wir das?

Sind wir dazu überhaupt fähig?

«Erkennen», das heisst ja nicht zur Kenntnis nehmen, lochen und abheften. «Erkennen» das heisst nicht «Downloaden und abspeichern. Sondern erkennen heisst: Diese Botschaft der Liebe in die Seele aufsaugen wie ein Schwamm, daraus leben, darin sich bewegen jede Sekunde. Und was man erkannt hat, das strahlt man dann auch aus, es prägt den Charakter, es spiegelt sich in allen Beziehungen und in der ganzen Umgebung.

Also: Haben wir erkannt, dass jeder einzelne unserer Namen in Gottes Hand eingeschrieben ist?

Wenn ich eine Antwort von mir persönlich geben darf, muss ich sagen: jein. Von einer tiefen Erkenntnis dieser Liebe im Grunde des Herzens ich bin noch weit entfernt.

Noch bin ich nicht fähig die Liebe Christi in ihrer vollen Höhe und Tiefe, Länge und Breite zu erkennen.

Was aber wäre, wenn? Was wäre, wenn ich von Gottes Liebe vollgesaugt wäre wie ein Schwamm?

Wenn die Tür meiner Seele bis zum Anschlag offen stünde.  Wenn Gottes Licht wie durch eine offene Fensterwand hineinstrahlen könnte in mein innerstes Wesen.  Was wäre ich dann für ein Mensch?

Ich wäre «erfüllt von der ganzen Fülle Gottes», wie Paulus schreibt. Aufgrund dessen wäre nicht mal mehr ein Quadratzentimeter frei für Ängste und Zweifel, für Neid und Eifersucht, für Habgier und Wut. Alles wäre Licht, Vertrauen, Geborgenheit und Frieden.

Und das wäre dann auch meine Ausstrahlung in die Welt. Als guter Empfänger dieser übervollen Ladung Licht und Liebe könnte ich gar nicht anders als davon überzufliessen und es weiterzuschenken an meine Umwelt.

Ihr seht, ich muss leider noch im Konjunktiv sprechen. Meine Tür ist noch nicht offen bis zum Anschlag, sondern nur vielleicht einen Spalt weit.

Meine Fensterwand ist verdeckt von dunklen Vorhängen.

Sagen euch diese Bilder etwas? Geht es euch ähnlich? Habt ihr vielleicht auch den Eindruck: Da ist von Gott her so viel Wertschätzung und Fürsorge direkt an mich gerichtet, aber es fällt mir schwer diese Liebe zu empfangen und sie für mein Leben fruchtbar zu machen?

Wenn euch diese Gedanken etwas sagen, dann wisst ihr spätestens ab jetzt: Du bist nicht allein damit. Mindestens einer steht da vorne, dem es genauso geht.

Was mich tröstet, ist folgender Gedanke:

Mein Name steht sowieso immer schon in Gottes Hand geschrieben. Und dort bleibt er auch. Ganz egal, ob das bei mir ankommt oder nicht.

Mein Name steht da und bleibt da, unabhängig davon, ob ich es in ganzer Tragweite erkenne oder nicht. Gott will, dass ich existiere.

Ich liege Gott am Herzen, mein Name steht eingeschrieben in Seine Hand:

Diese Botschaft hören zu dürfen, sie zu kennen, das ist das grösste Geschenk meines Lebens. Und diese Botschaft zu er-kennen, das ist die grösste und wichtigste Lebensaufgabe. Wir haben unzählige Hilfsmittel, die diese Erkenntnis fördern. Eines davon ist die Gemeinschaft der Kinder Gottes. Das sind wir, hier versammelt am Tisch des Herrn und dadurch verbunden mit allen anderen weltweit. Das sind wir, wenn wir miteinander reden, feiern, musizieren, kochen und essen, planen und arbeiten; Gemeinschaft der Kinder Gottes sind wir, wenn wir die Kranken besuchen und die Beladenen entlasten, wenn wir von Jesus erzählen bei Jung und Alt, in Schulen und Gruppen, wenn wir Lager und Glaubenskurse organisieren.

Bei all dem ist Christus unsere Mitte.

Vergessen wir das nie!

Denn wenn wir Christus vergessen, dann sind wir nichts weiter als eine Organisation mit einem schönen Programm.

Alles, was wir für diese Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern tun, das tun wir im Auftrag und im Namen unseres Herrn und Bruders Jesus Christus.

Und wir tun es zu diesem Zweck:

Dass wir selbst immer mehr erkennen, wie unendlich wir geliebt sind. Und dass wir möglichst vielen Menschen zeigen, dass auch ihre Namen unauslöschlich in Gottes Hand eingeschrieben sind.