«Also wurde Maria schwanger ohne Mann!?»
21. Dezember 2025
4. Adventssonntag
2. Kor 1,18-22
Florian Joos
«Eine Jungfrau wird gebären.» Das haben wir vorhin bei Jesaja und bei Matthäus gehört.
Wenn sie solche Texte hören, sagen viele unserer Zeitgenossen: «Was geht mich diese alten Märchen an?» Denn eine Jungfrau, die ein Kind bekommt, gehört sicher nicht zu den Topthemen des sogenannten modernen Menschen. Als ich neulich im Reliunterricht einen Weihnachtsfilm zeigte, fragte ein 12-jähriger Bub: «Also wurde Maria schwanger ohne Mann?» Ein Hauch von Provokation lag in seiner Stimme. Und ich konnte auf die Schnelle nichts erwidern.
Man kann das nicht erklären und doch ist es Teil unseres Glaubens. Also was machen wir damit?
Wie könnten wir eine Brücke schlagen? «Geboren aus der Jungfrau Maria»: Wie könnten wir diesen Satz aus unserem Glaubensbekenntnis fruchtbar machen für unser geistliches Leben?
Zäumen wir erst einmal das Pferd von hinten auf. Nehmen wir als Ausgangspunkt den absoluten Spitzensatz, die Pointe und den Clou der ganzen Bibel: Erster Johannesbrief 4,16:
«Gott ist die Liebe».
Immer, wenn wir über Gott nachdenken, muss das die Grundlage sein. Diese tiefe Erkenntnis über das Wesen Gottes ist wie ein Schlüssel zum richtigen Verstehen der ganzen Bibel.
Alles, was Gott tut, geschieht aus Liebe, weil er nicht anders kann, denn Er ist nichts als Liebe. Und im Römerbrief Kapitel 8 schreibt Paulus: Nichts kann uns trennen von dieser Liebe. Weil Gott die Liebe ist, muss er an einem Punkt der Geschichte auf seine Göttlichkeit verzichten. Er muss hinabsteigen in die leidende Welt. Auf dieses Ereignis hat er sein Volk lange vorbereitet: vielen Menschen hat Er eine Sehnsucht nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe ins Herz gelegt. Er hat Menschen inspiriert, heilige Worte niederzuschreiben. Und er hat prophetische Menschen mit besonderer Erkenntnis beschenkt und mit dem Mut zur Hingabe.
Das alles ist wunderbar.
Aber reicht es aus, wenn wir von Liebe reden? Nein.
Denn wie in jeder menschlichen Beziehung braucht es auf Dauer mehr als eine Fernbeziehung durch Boten und Briefe. Für eine liebende Beziehung braucht es, dass man sich in den Arm nimmt, dass man miteinander am Tisch sitzt, feiert, isst und trinkt. Und es braucht vor allem das solidarische Mitleiden, das Da-sein in schweren Stunden. Das alles kann durch nichts ersetzt werden!
Und darum muss Gott, der Schöpfer des Universums, hereinkommen in seine geschundene Schöpfung,
er muss seiner leidenden Menschheit physisch ins Auge schauen. Und Er muss selbst erfahren, wie Menschen leiden. Wenn Gott die Liebe ist und sich selbst treu bleiben will, dann kann Er nicht anders.
Diese Botschaft ist so schön, so fantastisch und so grossartig, dass sie durch nichts übertroffen werden kann.
Wenn wir diese Botschaft verstanden haben und wenn sie in unseren Herzen und Gefühlen angekommen ist, dann begreifen wir, was «Immanuel» bedeutet: «Gott ist mit uns». Dann verstehen wir, was der Name «Jesus» sagen will: «Gott rettet».
Und so gewinnt der innere Friede Raum in unserer Seele. Und das leise Wort des Engels entfaltet seine Wirkung: «Fürchte dich nicht.»
Liebe hat viele Dimensionen. Die grossartigste Eigenschaft der Liebe Gottes ist, dass sie Gegensätze überwindet, die aus menschlicher Sicht unüberwindbar sind.
Liebe überwindet die Gegensätze zwischen Wolf und Lamm, zwischen Kalb und Löwe, zwischen Säugling und Natter. Liebe überwindet den Abgrund zwischen Endlichkeit und Ewigkeit. Und sie überwindet den tiefen Graben zwischen Heiligkeit und profaner Gewöhnlichkeit, zwischen unendlicher Grösse und dem winzigen Mikrokosmos einer jungen Frau aus Nazareth in Galiläa.
In Jesus verbinden sich all diese Abgründe und vereinigen sich in seiner Person zu göttlicher Menschlichkeit und menschlicher Göttlichkeit. Darum ist er der Retter.
Wie genau Gottes Liebe diese Abgründe überwindet, wie man sich das biologisch vorstellen kann, das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass Er es durch Maria getan hat, dass Sein Geist es fortwährend immer wieder tut und dass diese Botschaft bei uns ankommt.
Ein Wort, das sinngemäss von Martin Luther stammt, bringt auf den Punkt, was an Weihnachten passiert:
«Der nicht zu fassen ist im Ausmass des Kosmos
liegt als Winzling im Schoss der Mutter.
Auf Armen gehalten und getragen werden
kann und muss jener,
der selbst alles im Dasein hält.»
Welche Konsequenzen hat die Menschwerdung dessen, der nicht zu fassen ist im Ausmass des Kosmos?
Indem der heilige Gott sich von einer gewöhnlichen Frau tragen lässt, gibt er jeder Frau und dadurch jedem Menschen eine unfassbare und unantastbare göttliche Würde.
Indem der Unfassbare sich herablässt in unsere fassbare Körperlichkeit, macht er den menschlichen Leib zu seinem heiligen Tempel.
Und indem er sich hineinfallen lässt in den physischen Tod, verwandelt Er den Tod zum Vorhof seines Himmelreiches.
Und so ist es nur logisch, dass wir nachher gewöhnliches Brot, gewöhnlichen Wein und gewöhnliches Geld – als Symbole unseres Lebens und unserer Arbeit – zum Altar bringen, damit es von Gottes Liebe berührt und herausgehoben werde aus der Gewöhnlichkeit, damit Gott es wandle
und dass Er dadurch auch unser Leben verwandle von irdischem Grau zu himmlischem Gold.
Wenn wir intensiv nachvollziehen, was wir da feiern, kann das nicht spurlos an uns abtropfen.
Und diesen Glanz von Menschen, die von Gott berührt sind, den dürfen wir dann ausstrahlen. Das ist unsere Berufung. Das tun wir konkret in kleinen Gesten des Alltags und in der Grundhaltung, dass jede menschliche Seele und jedes lebendige Wesen einen göttlichen Funken in sich trägt.
