«Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!»

08./09. August 2026

19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A
Lesungen: 1 Kön 19,9ab.11b–13;Röm 9,1–5; Mt 14,22–33

Panik vor Todesgefahr, Angst zu sterben: Haben Sie das schon erlebt? Dann sollten Sie eigentlich an meiner Stelle hier vorne stehen und die Predigt halten.

Denn Angst und Panik kommen uns mehrmals entgegen in diesem Text: Das Boot wird hin- und hergeworfen, es ist stockdunkle Nacht und damit nicht genug: es nähert sich noch ein «Gespenst» über den aufgewühlten See. Und in der zweiten Szene: die Panik des Petrus, der aus Angst vor der eigenen Courage fast untergeht.

Das erinnert an die vielen Migranten, die sich in winzige Boote setzen. Oder auch an jene, die vor einem Waldbrand fliehen oder an andere – vielleicht ganz in unserer Nähe – die mit einer todbringenden Krankheit leben müssen.

«Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!». Kann diese Zusage von Jesus wirklich helfen in realer Gefahr?

Jeder der an Christus glaubt, wird das für sich selbst eines Tages herausfinden.

Meine drängende Frage ist: Wie können wir diesen Satz jederzeit in unserer Seele blinken und brennen lassen, so wie eine Leuchtreklame?

Wie der Eifelturm in Paris, wie der Dom im Köln, wie ein Wahrzeichen sollte dieses Wort in unserer Seele stehen:
«Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!»

Es ist ein Prozess. Vertrauen muss gelernt werden. Jeden Tag ein Schrittchen. Und wir dürfen hoffen, dass, wenn es dann wirklich ernst wird, dass wir dann die Grösse haben, ruhig, vertrauensvoll und würdevoll an der Hand Jesu einer Bedrohung zu begegnen.

Während das Boot mit den Jüngern in der Dunkelheit zu kentern droht, betet Jesus auf dem Berg zu seinem Vater. Er lässt sich Zeit.

Erst kurz vor dem Morgengrauen kommt er über den aufgewühlten See ihnen entgegen.

Die Angst der Nacht wird der Jüngergruppe nicht erspart.

Sie ist ein Teil der Lektion, die sie zu lernen haben.

Das könnte auch für jedes von uns ein wertvoller Hinweis sein: Versuche alles, was das Leben dir bringt, was es dir schenkt und was es fordert – ja, sogar alles, was dich bedroht und was dir Angst macht – versuche zu verstehen als Teil eines Lernprozesses.

Diese Nacht will dich dem Vertrauen auf Jesus einen Schritt näherbringen, diese Gefahr will dich nach Seiner Hand greifen lassen.

Gibt es einen sinnvolleren Weg, mit Angst und Bedrohung umzugehen?

Beachten wir auch, in welcher Grösse Jesus hier dargestellt wird. Diese Episode folgt auf das unfassbare Wunder der Brotvermehrung; und Jesus steht hier über der Naturgewalt, er geht über das Wasser und bringt den Sturm zum Schweigen.

Hier zeigt sich Gott selbst in der Person Jesu – ähnlich dem verklärten Christus auf dem Berg Tabor,

ähnlich dem Auferstandenen, der am Ufer steht und die erfolglosen Jünger im Fischerboot erwartet. Erinnern wir uns, wie Petrus sich ins Wasser wirft und ihm entgegenschwimmt.

Falls wir es noch nicht begriffen haben: Es ist wirklich wichtig, um diese Offenbarung zu beten und sich für diese Erkenntnis zu öffnen: «Wahrhaftig, Jesus ist Gottes Sohn!»

«Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!» Derjenige, der das zu uns sagt, ist der Kyrios, der Herr über alle Mächte und Gewalten, der einzige Sohn des allmächtigen Vaters. «Ich bin es.»: Das ist die Majestät Gottes selbst, der durch den Mund Jesu uns alle trösten will.

Die Jünger sitzen gemeinsam im Boot, nicht weil sie Lust auf einen Ausflug haben, sondern weil Jesus es befohlen hat. Auch wir sitzen heute hier auf sein Wort hin in diesem Kirchenschiff oder besser im Bötchen dieser kleinen Gottesdienstgemeinschaft.

Der Gegenwind und die Wellen sind bei uns heute nicht gewalttätig, wie in Zeiten der Christenverfolgung. Wir werden nicht verfolgt und gefoltert, weil wir hier das Herrenmahl feiern.

Nacht, Sturm und Wellen, das ist in unserer Situation eher die Enttäuschung an der Kirche selbst, an ihrer Unbeweglichkeit, ihrem Versagen und ihrer Schuld

und es ist die Gleichgültigkeit vieler Menschen dem Glauben gegenüber. «Mein Kind ist nicht am Firmweg interessiert» – diesen Satz musste ich letzte Woche einige Male lesen.

Und als Nacht empfinde ich auch die Orientierungs-losigkeit vieler Menschen, die Christus nur noch als angstmachendes oder lächerliches Gespenst wahrnehmen können.

Und das Auf und Ab auf den Wellen erlebe ich so oft, wenn Leute sich taufen und firmen lassen, wenn ganze Familien sich engagieren, Teil der Gemeinde sind

und sich dann ohne Abschied wie in Luft auflösen.

Aber dieses Evangelium macht Mut, auszuhalten. Denn wie gesagt, wir sind ja nicht aus eigenem Antrieb eingestiegen, sondern, weil wir den Auftrag des Herrn gehört haben: «Liebt einander, wie ich euch geliebt habe».

Und denken wir an die unzähligen Geschwister, die mit uns im Boot sitzen und die extrem harte Zeiten durchmachen mussten:

An Petrus und Paulus und alle Männer und Frauen der ersten Stunde.

An den Pfarrer von Ars, der am letzten Dienstag gefeiert wurde und der so viele harte Prüfungen bestehen musste.

Und an Dominikus, dessen Tag heute (Samstag) gefeiert wird / gestern gefeiert wurde.

An Edith Stein, deren Ermordung in Auschwitz wir morgen/heute (Sonntag) gedenken.

Und erinnern wir uns an den Propheten Elija, der unter Todesangst in die Wüste rennt. In seinem Burnout will er nur noch liegenbleiben und sterben. Aber am Eingang der Höhle am Berg Horeb spürt er Gottes Gegenwart ganz besonders intensiv: Nicht in Sturm, Feuer und Erbeben, sondern in der hauchzarten, der schweigenden Stille der göttlichen Anwesenheit:

«Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!»

Amen