Das Liebesgeflecht, der Geist und die Hoffnung
09./10. Mai 2026
6. Sonntag der Osterzeit, Lesejahr A
Lesung: Apg 8,5-8.14-17, 2. Lesung: 1 Petr 3,15-18, Evangelium: Joh 14,15-21
Predigende: Bettina Gruber Haberditz
Osterfreude treibt vorwärts, aber wohin? Diese Frage stellte sich damals und heute.
Die Jüngerinnen und Jünger Jesu durften den Schock von Golgotha überwinden. Sie haben erfahren, dass Jesus lebt. Aber sie wussten auch: der Weg mit Jesus wird ab jetzt ein anderer sein als die Wanderjahre von Galiläa bis Jerusalem.
Diese gewandelte Gegenwart ist das Thema der Jesus-Rede im Johannesevangelium. Jesus macht seinen Freunden und Freundinnen Mut. Sinngemäss sagt er. «Ich bleibe mit euch verbunden.» Doch wie können wir in diese neue Beziehung hineinwachsen?
Wer in sich hineinhorcht, findet dort den Widerhall der Worte und Taten Jesu. Doch es ist eben mehr als ein Echo, das leiser wird und schliesslich verklingt. «Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.» Nicht Erinnerung, sondern Gegenwart!
Ein gegenseitiges Durchdringen, das unseren Verstand übersteigt – eine mystische Wahrheit, die geschenkt wird, wenn wir den Sprung wagen. Wer loslässt und sich ins göttliche Liebesgeflecht hineinfallen lässt, wird aufgefangen, getragen.
Ich denke nicht, dass das den ersten Christen und Christinnen jeden Tag gleichermassen gelang, dieses sich-hineinfallen-Lassen. In den Momenten, wo es gelingt, geschieht aber Erstaunliches.
Heute hören wir aus der Apostelgeschichte von Philippus. Ich behaupte jetzt mal, dass Samaria nicht das Ziel seiner Reise war. Samaria war Durchgangsland zwischen Galiläa und Judäa. Doch schon bei Jesus blieb es nicht beim Transit. Da gab es heilvolle Begegnungen, teilweise gar gegen Jesu ursprüngliche Absicht. Die Erkenntnis für Jesus und Philippus: nicht die Zugehörigkeit zur gleichen Volksgruppe entscheidet darüber, ob ein Mensch für Gottes Beziehungsangebot empfänglich ist.
Was ich mir als Impuls aus der Missionstätigkeit des Philippus merken möchte: Nicht immer ereignen sich Glaubensmomente, gar Bekehrungen dort, wo wir es uns vorstellen. Seien wir darum nicht zu gradlinig auf unsere Ziele hin unterwegs. Auf dem Weg warten Begegnungen, die uns und dem Gegenüber Himmelsmomente bescheren. «Es herrschte grosse Freude in jener Stadt», stellt die Lesung fest. Freude im Glauben geschieht, wo Christus in uns wirkt und wir sein Wirken im andern entdecken. Christus in mir, Christus in dir, Christus in uns, und wir in Christus.
«Christus in uns und wir in Christus.» Das ist eine treffende Beschreibung von Kirche. Und eine der kürzesten.
Ich bin selbst überrascht, wo mich die Bibeltexte heute hinführen. Und ich frage mich, was denn nun mit dem Geist ist, von dem Jesus spricht, und den Petrus und Johannes für die Neugetauften in Samaria erbitten. Braucht es diesen auch noch?
Wenn mir jemand sagt: «Nimm Christus an!» könnte das eine Einladung sein, die mich überfordert. Ein einmaliger Bekehrungsmoment ist den wenigsten unter uns geschenkt. Da bin ich dankbar für einen Geist, der mich behutsam, geduldig in die Christus-Nähe hineinführt.
Ein Geist, der mir Widerstandskraft schenkt, wenn mein Leben mir Steine auf dem Weg legt. Ein Geist, der mir die Türe zur Wahrheit offenhält. Gottes Geist wäre dann meine Kraftreserve, mein Herzschrittmacher, wo ich mich – wieder einmal – nicht fallen lassen kann, in die Liebe hinein.
Eigentlich haben wir diesen Geist ja schon. Dennoch tut es gut, uns jedes Jahr auf Pfingsten hin zu vergewissern, dass wir Gottes Geist wirklich in uns finden können, dass er dauerhaft in uns wohnt.
Zum Schluss möchte ich die Lesung aus dem 1. Petrusbrief noch erwähnen. «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; …»
Christinnen und Christen sind Menschen, die Hoffnung haben. Das fällt aktuell gerade nicht besonders leicht. Doch ich frage Sie: Gab es je eine Zeit, die so war, dass sie zwingende Argumente für berechtigte Hoffnung lieferte? Oder ist es nicht gerade andersherum? Hoffnung entwickelt ihre Kraft nicht in glückvollen Momenten, sondern in schwierigen, wenn Auswege sich nicht spontan zeigen.
Die Mission aller Christinnen und Christen ist es, andere zu stützen und zu ermutigen. Am eindrücklichsten tun wir dies, wenn wir selbst Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen. Hoffnung ist die Quelle, die uns Widerstandskraft gibt, am eigenen Leben und an der Welt nicht zu verzweifeln.
Wenn wir der Welt etwas schenken können, dann Hoffnung. Hoffnung, dass nicht alles verloren ist. Vertrauen, dass die Welt nicht verwaist ist.
Bitten wir daher heute den Vater im Himmel um den Geist der Hoffnung. Und stärken wir uns in dieser Stunde bei Christus.
Christus ist in uns, und wir sind in Christus. Amen.
