Der Gemeinschaft verpflichtet

30./31. Mai 2026

Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr A
Lesungen: Ex 34,4b.5-6.8-9; 2 Kor 13,11-13; Joh 3,16-18

Prediger: Florian Joos

«Sie sind ein Herz und eine Seele». Das sagt man über zwei Menschen, die ohneeinander nicht leben können.

Und sicher wird solch ein Paar irgendwann gemeinsam ein Projekt beginnen, ein Kind bekommen, ein Haus bauen oder gemeinsam tolle Kunstwerke gestalten, wie Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle.

Zwei Menschen, die sich lieben, wenden sich einem dritten Punkt zu, für den sie sich gemeinsam engagieren können. Finden sie diesen dritten Punkt nicht, drehen sie sich als Paar im Kreis ohne Ziel. Sie sind in der Gefahr, Egoismus im Doppelpack zu leben.

Echte Liebe funktioniert also im Dreieck:

Vater, Sohn und mütterliche Geistkraft.

Das Wesen dieser drei Personen ist Liebe.

Und diese Liebe kennt keine Grenzen.

Aus dem Überfluss dieser Liebe ist die Schöpfung entstanden, darum gibt es die Menschheit.

Gott spricht mit sich selbst in der Mehrzahl, wenn sagt: «Lasst uns Menschen machen nach unserem Abbild.» (Gen 1, 26,27)

Der weitere Verlauf bis heute ist eine ziemlich einseitige Liebesgeschichte zwischen Gott und der Menschheit.

Um das Projekt der Liebe vor dem Scheitern zu retten, schenkt sich der Sohn im Namen des Vaters in die Welt.

Er zeigt den Menschen, wie gross die Liebe Gottes ist.

Er erzählt, wie sehr Gott nach jedem einzelnen Menschen sucht, wie sehr er sich danach sehnt, uns alle hereinzuholen in das Dreieck aus purer Liebe, aus purem Licht. «Die Welt aber erkannte ihn nicht, er kam in sein Eigentum aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.» schreibt Johannes (Joh 1,9-11).

Eine einseitige Liebesgeschichte: Gott wirbt, die Menschen kümmern sich nicht. Gott schenkt sich selbst, die Menschen wenden sich lieber materiellen Dingen zu, hängen am Handy und viele stehen lieber im Stau vor dem Gotthard, als die Liebe Gottes zu feiern.

Im Grunde haben wir die Wahl uns zu entscheiden.

Die Wahl zwischen Materie und Geist, zwischen unten und oben, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen der Liebe Gottes und dem Hass der Hölle.

Das Problem für viele ist: Die materielle Welt ist sehr attraktiv und glitzernd und verlockend und vor allem sehr real und konkret.

Gott, oder allgemein die Liebe, ist nicht verfügbar, nicht zu kaufen und nicht zu machen. Man kann Gott nicht anfassen, anschauen, hören, riechen und schmecken. Aber man müsste sich zumindest die Mühe machen, wie bei menschlichen Beziehungen auch, einmal still zu werden und die Ohren zu öffnen, um zu hören, was der andere zu sagen hat.

Denn, wenn wir auf Empfang schalten, lässt Gott sich erahnen und erspüren: In der Herrlichkeit des Universums, in der Schönheit dieser Erde, in der Tatsache, dass es Menschen gibt, die kreativ, liebesfähig und entscheidungsfähig sind.

Gott lässt sich spüren in der Fürsorge und Solidarität, im guten Geist zwischen Menschen, in Freundschaft und Vergebung, Spiel, Musik, Kunst und Sport. Und im Gebet und den Sakramenten und im gemeinsamen Feiern, in Liebe und Gemeinschaft.

Gott lässt sich spüren durch Jesus, der so menschlich erscheint und doch Dinge sagt und tut, die übermenschlich, die göttlich sind.

Jesus ist Gott, der sich anfassen lässt.

Was Jesus uns schenkt, geht über das hinaus, was Mose von Gott erfahren hat. Mose erfährt seinen Gott als «barmherzig, gnädig und langmütig, reich an Huld und Treue».

In Jesus lässt Gott sich aus Liebe zur Menschheit
von Menschen kreuzigen. «Gnade, Liebe und Gemeinschaft», schreibt Paulus. Gott ist Gnade, Liebe und Gemeinschaft. Das ist der Gott, den wir dank Jesus und bewegt von der heiligen Geistkraft heute feiern dürfen.

Und doch stellt sich die Frage nach der Alltagstauglichkeit dieses Glaubens. Was ändert es für uns, ob wir an den Gott von Mose oder den Vater von Jesus glauben? Was ändert es zu sagen: Gott ist einer oder Gott ist drei in einem?

Das ändert sehr viel. Nämlich in der Sichtweise auf uns selbst und auf jede Form des Zusammenlebens.
Denn Gott ist Vielheit, die durch Liebe vereint ist.
Gott ist weder uniform noch ist er individuell.

Als Christen wissen wir, wie wertvoll die einzelne Person ist. Aber die einzelne Person darf nie über der Gemeinschaft stehen.

Als Christen wissen wir, wie wertvoll die Gemeinschaft ist. Aber die Gemeinschaft ist der Würde der Einzelperson verpflichtet.

Jede Art von Gleichmacherei ist vom Glauben an den dreifaltigen Gott nicht zu rechtfertigen.

Und jede Art von Individualismus und Einzelherrschaft auch nicht. Das gilt für Familien wie für Staaten.

Einzahl und Vielzahl sind im Christentum verbunden wie in einem Spiel, wie beim Tanz, wie in einem guten Team. Die Gaben und Charismen der einzelnen Personen dienen der Gemeinschaft und die Gemeinschaft steht im Dienst für die Einzelnen. Ein Leib mit vielen Gliedern. So lebt Gott.

Und so will Gott, dass wir leben: in unseren Familien, in unseren Gemeinschaften, Gruppen und Pfarreien, Dörfern, Städten und Staaten:

Einheit in Vielfalt verbunden durch Liebe

Amen

Bild: Barmherzige Dreifaltigkeit: Keramik-Relief von Sr. Caritas Müller Cazis, Schweiz.