Mir geschehe nach deinem Wort

15. August 2025

Mariä Himmelfahrt, Lesejahr C
Lesungen: Offb 11,19a; 12,1-6a.10ab; 1 Kor 15,20-27a; Lk 1,39-56

Prediger: Florian Joos

Maria hätte theoretisch auch «Nein» sagen können am Anfang:

Nein, Gott, ich will es nicht, dieses uneheliche Kind.

Ich will nicht die Mutter des Messias sein.

Ich will das nicht, was du da mit mir vorhast.

Mit ihrem «JA» aber trifft sie die Entscheidung des Vertrauens.

Und so öffnet sie die Tür für Gottes Menschwerdung.

Weil sie sich so entscheidet, kommen heftigste Herausforderungen auf sie zu:
Auf eine uneheliche Schwangerschaft stand die Todesstrafe. Die Familie, die Freundinnen und Freunde, die Dorfgemeinschaft – alle sind schockiert. Viele wenden sich ab, verurteilen sie als Flittchen.
Das auszuhalten geht nur im tiefsten Vertrauen und in der maximalen Hingabe an Gott.
Der Besuch bei Elisabeth kann also auch gesehen werden als Suche nach ein wenig Sicherheit im Zweifel:

Ist es wirklich wahr, was der Engel mir verkündet hat?

War es nicht ein Traum, eine Einbildung?

In der Begegnung mit Elisabeth findet sie die Verkündigung des Engels bestätigt. Damit gewinnt Maria eine innere Säule der Gewissheit: Gott ist auf meiner Seite. Was auch immer passiert, es ist sein Plan.

Durch diese Haltung der Sicherheit und des Gottvertrauens ist sie dem Schicksal und dem Urteil der Menschen um sie herum nicht mehr ausgeliefert.

Diese spirituelle Haltung können wir uns zu eigen machen.

Wenn wir unser Leben in Gottes Hand legen,

wenn unser Gewissen sauber ist,

wenn wir uns als Werkzeug Gottes verstehen und wenn wir uns auch so verhalten, weil wir Jesus konsequent nachfolgen, dann spielt es keine Rolle mehr, was die anderen über uns denken. Insofern macht ein «JA» zu Gott frei vom Urteil dieser Welt.

Schaffen wir es, dieses «JA» zu geben? Und halten wir es dann auch durch?

Das war für Maria nicht leicht und für uns in unserer Zeit schon gar nicht.

Die Verpflichtungen und Attraktionen der Welt prasseln permanent auf uns ein. Ständig hindern sie uns, zur Ruhe zu kommen.

Sie zerstreuen unsere Aufmerksamkeit, sie lenken uns ab vom Gebet, sie verhindern, dass wir Gott suchen und damit auch, dass Er uns findet. Wenn wir uns verstricken in die Welt, kommen wir nicht in die Tiefe, sondern wir fliegen nur über die Wellen der Oberfläche. Sehr schnell rauscht dann das Leben an uns vorbei und wir bleiben gefangen in Oberflächlichkeit und Mittelmässigkeit.
Daher stellt sich die Frage ganz dringend, wie es aussieht mit unserem persönlichen «JA» zu Gott.

Denn auch in unserer Seele lauern hässliche Tiere darauf, das Göttliche, zu verschlingen, sobald es in uns zur Welt kommen will.

Die Zuflucht in der Wüste ist also nicht nur für die frühe Kirche eine wichtige Option und Chance, sondern auch für jedes von uns: Abschalten der Reize,

den Durst und den Hunger der Seele wahrnehmen.

Nicht mehr auf der Jagd sein müssen.

Nichts mehr kaufen, was ich nicht brauche,

nichts mehr anschauen, was mich zerstreut,

nichts mehr an mich heranlassen, was mir den Blick auf Gottes Gegenwart verstellt.

Am Ende geht es ja darum, dass Gott die mächtigen Kräfte, Einflüsse und Ängste vom Thron meiner Seele stürzt.

Dazu müssten wir ihm aber den Weg freimachen durch unser «Ja» des Gottvertrauens. Wir müssen zulassen, dass Gott an uns arbeitet.

Wenn ich also den Schritt der Distanz zu dieser Welt mache, was habe ich davon? Was wäre der Lohn dafür?

In diesem Leben dürfen wir auf Gelassenheit und inneren Frieden hoffen, wenn wir an Gottes Hand durchs Leben gehen.  Und für die andere Welt ist uns nichts weniger versprochen als die Herrlichkeit Gottes, in die Maria bereits aufgenommen ist.
Diese Herrlichkeit Gottes können wir uns nicht vorstellen, wir können sie nur erahnen.

Wenn wir auf diesen unfassbaren Lohn im Himmel vertrauen, dann werden wir allem, was diese Welt uns anbietet an Wohlstand, Sicherheit, an Zerstreuung, Unterhaltung und Schönheit, mit grosser und kritischer Distanz begegnen.

Und das Bedrohliche dieser Welt werden wir mit einer Haltung aktiver Gelassenheit an uns heranlassen.

Die Wüste ist ein Bild für diese Distanz des Loslassens und der inneren Freiheit.

Wir feiern heute hier miteinander, dass Maria mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen wurde.

Damit verbinden wir unsere Hoffnung, dass diese Herrlichkeit auch für uns offensteht.

Die Aufnahme des Leibes in den Himmel ist allerdings schwer zu verstehen, man kann sie auch nicht erklären. Aber im 15. Kapitel des 1 Korintherbriefs gibt es dazu eine hilfreiche Stelle:

Paulus vergleicht dort den irdischen Körper mit einem Samenkorn, das weiterlebt, weil es stirbt. Er schreibt:
«Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. …  Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib. Wenn es einen irdischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen.» Und weiter schreibt Paulus:
«Wie wir nach dem Bild des irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden. … Fleisch und Blut aber können das Reich Gottes nicht erben; das Vergängliche erbt nicht das Unvergängliche.»

Wir werden also mit einem neuen, mit einem himmlischen Leib gemeinsam mit Maria und mit allen unseren Brüdern und Schwestern in der unbeschreiblichen Herrlichkeit Gottes weiterleben.

Darauf dürfen wir vertrauen, darauf uns freuen,

darauf haben wir die heilige Pflicht uns vorzubereiten,

indem wir in angemessener Distanz zur Welt

die Begegnung mit Gott suchen.

Dazu sind wir berufen und erlöst.

Viele, die nicht an die himmlische Herrlichkeit glauben, leben nach dem Motto: «Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot.»

Wir aber leben und sterben nach dem Motto:

«Mir geschehe nach deinem Wort» und «Halleluja, Jesus lebt». Amen