Zur Brotvermehrung

In der Ethik des jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas spielt die Idee der sozialen Stellvertretung für Menschen in Notfällen eine Schlüsselrolle. Davon ausgehend, habe ich mich gefragt, ob im Christentum die Idee der Stellvertretung auch zu finden ist.
Einige Vertreter der christlichen Theologie sehen in Jesus, der sich für die Sünder geopfert hat, eine Stellvertretung Gottes im Hinblick auf uns sündige Menschen.
Ist – so fragte ich mich weiter – die Stellvertretungsidee auch relevant für jede/n Christ/in? In welcher Situation wäre sie gegebenenfalls von Belang?
Für den Ausgangspunkt meiner Überlegungen beziehe ich mich auf die belehrenden und mahnenden Worte Christi, wonach wir im Nächsten den Bruder bzw. die Schwester in Christo sehen sollten, was auch auf eine Art Stellvertretungsidee hinweist. Wenn dem so ist, gilt die von Levinas im Blick auf Bedürftige geäusserte soziale Stellvertretung ebenfalls für jeden Christen den bedürftigen Nächsten gegenüber. Bestimmt ist der Auftrag zur Stellvertretung auch in Fällen aktuell, wenn erlittenes Unrecht den Einsatz für Gerechtigkeit verlangt.
Weiter ist zu fragen, ob bzw. inwieweit die Stellvertretungsidee beim Abendmahl der Hl. Messe zutrifft oder nicht.
Als Kind wurde ich angelernt, bei der Kommunion Jesus in eigenen Worten zu grüssen, zu danken, etwas zu schenken und zu bitten. So war die Begegnung mit Gott vor allem eine subjektive Geste.
Je älter ich wurde, desto mehr habe ich diese Haltung hinterfragt. Unter dem Einfluss von Levinas und seiner eindrücklichen Idee der Stellvertretung begann ich die Bibel daraufhin zu befragen, zumal die persönliche Kommunion mir immer mehr zu kurz zu greifen schien.

Die Brotvermehrung in der Bibel

Also las ich die Stelle zur Brotvermehrung. Davon ist bereits im ersten Testament im 2. Buch der Könige, Kap. 4,42 – 44 die Rede. Es heisst dort: „…so spricht der Gottesmann namens Elischa: „Man wird (Brot) essen und noch übriglassen“. Nun setzten seine Diener es den Leuten vor, und „sie assen und liessen noch übrig, wie der Herr gesagt hatte“ (Jerusalemer Bibel 1985, 5. Auflage, S. 454).
Auch im Zweiten oder Neuen Testament findet sich im Johannes-Evangelium eine entsprechende Stelle zur Brotvermehrung. In Joh. 6,12 – 13 ist Folgendes zu lesen: Nach der Speisung der Menge mittels der vermehrten Brote durch Jesus waren alle „satt“. Hier wird – wie ebenfalls im Buch der Könige – betont, dass „die übriggebliebenen Brotstücke“ eingesammelt wurden.
Das Brot war also derart reichlich vorhanden, dass es über den Sättigungsgrad des Hungers hinaus noch in Überfluss da war, nämlich volle 12 Körbe mit den Stücken, die von den 5 Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren. Als Grund für das Einsammeln des übriggebliebenen Brotes ist zu lesen: „damit nichts verdirbt“ (Jerusalemer Bibel 1985, 5. Auflage, S. 1521).

Die Bedeutung der Brotvermehrung

Welche Bedeutung kommt gemäss den zwei oben genannten Bibeltexten dem Brot und dem Verzehr bzw. dem Kosten davon zu?
Das Essen der Brote erfolgt in beiden Bibelstellen in einer Menschenmenge, hat also – wie während der Hl. Messe – eine soziale Dimension. Dabei scheint der Umstand besonders bedeutsam zu sein, dass das Brot in beiden Bibelstellen im Überfluss zurückblieb. Was könnte das heissen?
Für den gläubigen Katholiken ist das Brot, die Hostie, Christuspräsenz, also Gegenwart Gottes. Wenn Gott die absolute Vollkommenheit ist, sind ihm Liebe, Gnaden, Tugenden, Segen etc., kurz: Heiligkeit im Überfluss eigen. Dies würde bedeuten, dass, wer kommuniziert, Gottes Gaben in Fülle und damit in derart „sattem“ Mass erhält, dass er über sich hinaus, noch göttliche Gaben weiterreichen, weiterschenken kann, auf dass gleichsam nichts (ungenutzt) verdirbt. An wen? Zum Beispiel: an Abwesende, Andersgläubige, Zweifelnde, Atheisten, an bestimmte Menschen etc.
So gesehen ist Kommunion für mich auch zu einem Gemeinschaftserlebnis mit der gesamten Menschheit geworden.
Zusammenfassend ergibt sich für mich: Neben der persönlichen Gottesbegegnung übernehme ich mit jeder Kommunion die Stellvertretung für die an- und abwesende Gemeinschaft (bzw. für das Volk Gottes), indem ich gleichsam von dem mir zugeteilten Überfluss der heiligen Gaben oder Geschenke Gottes an die (lebende und verstorbene) Menschheit weitergebe, weiterschenke. Damit hat das Kommunizieren für mich eine persönliche und überpersönliche, soziale Dimension.

Dr. Anita Gröli