Ökumene ist Beziehungsarbeit
Daniel Bolliger, seit Juni 2024 Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde der Stadt Freiburg und des Saanebezirk, ist Beauftragter im reformieren Pfarrteam für die ökumenischen Beziehungen.
Ökumene ist Beziehungsarbeit
Gedanke zur Gebetswoche für die Einheit der Christen, verfasst von Daniel Bolliger, Pfarrer der Reformierten Kirche.
Ökumene ist Beziehungsarbeit und wie alle Beziehungsarbeit beginnt sie bei – sich selbst. Wer eine gute Beziehung will, arbeitet vor allem und zuallererst am eigenen Verhalten. Das gilt für die reformierten Kirchen genau so sehr wie für alle anderen Kirchen auch. Und es gilt in der Zukunft in ganz neuer Intensität für uns klassische grossen Kirchen alle, denn die weltweite Christenheit ändert sich rasant und dramatisch, ausserhalb von Europa. Das hat Auswirkungen auch auf uns, und es fordert uns alle auf, ganz neu an uns selbst zu arbeiten.
Einerseits gehören die Reformierten zu den Pionieren in der Ökumene, schon konfessionsgeographisch gesehen. In Lausanne fand die erste Weltkonferenz zu Faith and Order statt, in Amsterdam die Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen; in Genf liegt dessen Sitz und der erste Generalsekretär war der niederländische reformierte Theologe Willem Visser t’ Hooft. Dies entspricht auch ganz dem reformierten Selbstverständnis. Während alle anderen Kirchen eine je eigene Färbung haben, ein besonderes Profil – in ihrer Kirchenstruktur und Sakramentsauffassung, in ihrer Tradition mitsamt ihren historischen oder aktuellen Leitfiguren, oder aber in ihrer Taufpraxis und ihrem Missionsverständnis –, richten wir Reformierten uns einzig an der Heiligen Schrift aus. Darum sind wir, so die lange Zeit vorherrschende Selbstwahrnehmung, offen und anschlussfähig in alle Richtungen, universal beziehungsfähig mit allen, die sich ebenfalls auf die Schrift berufen, mithin mit allen christlichen Kirchen. Dass die Sache nicht ganz so einfach liegt und in dieser Selbstsicht gewisse blinde Flecken liegen können, zeigte sich letztmals anschaulich bei dem wohl grössten theologischen Fortschritt zur Einheit im 21. Jahrhundert, der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung. Sie besagt: die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben allein, das Haupthindernis zur Einheit seit dem 16. Jahrhundert, trennt evangelische und katholische Christen nicht mehr länger. 1999 wurde die Erklärung durch den Lutherischen Weltbund und die Römisch-katholische Kirche in Augsburg unterzeichnet, aber erst 2017 auch durch die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen in Leipzig. Erst nachdem das reformierte Anliegen (Rechtfertigung vor Gott führt zu Gerechtigkeit unter den Menschen) allseitig anerkannt und in die Erklärung integriert wurde, konnte die Einigung stattfinden. Es gibt also durchaus reformiert konturierte Standpunkte. In früheren Jahrhunderten war es vor allem die Betonung der Erwählung aus der alleinigen Freiheit Gottes. Heute ist es die scharfe Kritik an imperialen und hegemonial die Menschenwürde missachtenden Strukturen in der Welt und die Suche nach zwar realistischen, aber christlich vertretbaren Wegen. Erst, wer den eigenen Standpunkt erkennt und ihn – vor allem gegenüber sich selbst – eingesteht, kann in einen Dialog eintreten.
Gott hilft uns nun allen bei der Arbeit an unserer Selbstwahrnehmung noch einmal ganz neu, indem er uns in sehr grosser Zahl christliche Glaubensgeschwister aus den anderen Weltgegenden schenkt. Bildungsgelenkte Zugänge, elaborierte Texte und ausgefeilte Kompromissformeln werden darum in der Weltchristenheit zunehmend in den Hintergrund treten. Am letzten Ökumenischen Stamm, einer regelmässigen Begegnungsplattform katholischer, reformierter, orthodoxer und freikirchlicher Hauptamtlicher im Raum Freiburg, wurde uns das eindrücklich vor Augen geführt. Serge Fornerod, früherer Leiter Aussenbeziehungen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, und Mitglied im Komitee des Ökumenischen Rates, legte am 20. November dar, wie sehr Europa und europäische Kultur und Theologie ganz grundsätzlich an den Rand der Christenheit geraten werden und schon sind. Der gemeinsame Geist wird neu zu uns wehen, aus dem Süden, in einer Weise, die wir erst erahnen können, aber gewiss in Richtung hin zum Evangelium.
Daniel Bolliger
