Advent funktioniert nicht – Gedanke von Veronika Hoffmann
In meiner Kindheit gab es zu Hause so wenig Plätzchen im Advent, wie es Ostereier in der Fastenzeit gab. Ostereier und Schokoladenhasen waren für Ostern, Lebkuchen und Stollen für Weihnachten, nicht für vorher. So war die Regel. Ausnahme: die Adventssonntage. Ich fand das gut – sowohl die Regel wie die Ausnahme. Die Adventszeit ist eine Vorbereitungszeit, das sollte man merken.
Als Jugendliche habe ich Gottesdienste mitgestaltet, in denen wir den Konsum im Advent angeprangert haben: Wir essen und feiern und kaufen ein, alles ist voller Lichter und Musik. Dabei soll der Advent doch eigentlich der Besinnung dienen! Heute bin ich etwas vorsichtiger zu sagen, was der Advent „eigentlich“ sei. Ich finde es legitim, dass er für verschiedene Menschen Verschiedenes bedeutet. Manche sagen dann konsequenterweise „Vorweihnachtszeit“ dazu.
Aber für mich als Christin gilt natürlich „eigentlich“ schon: Der Advent ist eine Zeit der Vorbereitung, mit der Fastenzeit vor Ostern durchaus vergleichbar. Er dient der Besinnung auf das Wesentliche, der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn. Nur: Es funktioniert bei mir regelmässig nicht. Die Adventslieder singen von der Sehnsucht, dass der Herr endlich kommen möge: „O komm, o komm Emmanuel“, „Tauet, Himmel, den Gerechten“ … Meine Stimmung hingegen schwankt zwischen: „Bitte noch ein bisschen warten bis Weihnachten, ich habe noch so viel zu tun!“ und: „Ja, lass endlich Weihnachten werden, ich bin so müde, ich kann nicht mehr.“ Vielleicht erleben Sie es anders, das ist sicher nicht für alle gleich. Für mich war es in den letzten Jahren wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass ich pünktlich zum 3. Adventssonntag erschöpft im Gottesdienst sass und mir jede Kraft zu adventlicher Vorfreude fehlte. (Dieses Jahr könnte eine Ausnahme werden. Ich vermute, ich bin schon am 2. Adventssonntag so weit.) Die geistliche Vorbereitung auf Weihnachten geht bei mir regelmässig im sehr un-adventlichen Vorweihnachtsstress unter.
Und jetzt? Ich will nicht sagen, dass das gut ist. Besser wäre es sicher, ich nähme mir Zeit zur Besinnung auf das Wesentliche. Zeit, der Sehnsucht nach Gott nachzuspüren. Aber moralisch den Zeigefinger heben wie als Jugendliche: „Der Advent ist doch eigentlich …“ – diesmal gegen mich selbst – mag ich auch nicht mehr. Das macht mich nur noch müder.
Statt dessen tröstet mich seit einigen Jahren die Krippe. Als blutjunge Frau auf Reisen in einem Stall ein Kind gebären müssen, ist nicht gerade die Variante „perfekte Geburtsvorbereitung“. Genauso geht es mir auch. Ich bin an Weihnachten alles andere als perfekt vorbereitet. Ich habe sozusagen nichts als einen Stall, eine Krippe und ein paar Windeln. Und in diese Armut kommt er.
Mein Weihnachten ist kein Zieleinlauf: geputzte Wohnung, geschmückter Baum, gereinigte Seele, fromme Erwartung. Es ist oft ziemlich ärmlich. Und dann stehe ich an der Krippe und begreife staunend, dass mein Gott auch diese Form der Armut angenommen hat. Es ist alles geschenkt. „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben“, singe ich. Und dann ist Weihnachten.
Veronika Hoffmann
Veronika Hoffmann
Veronika Hoffmann wurde 1974 in Deutschland geboren. Dort war sie nach ihrem Theologiestudium sowohl in der Seelsorge als auch in der Forschung tätig. Seit Herbst 2018 ist sie Professorin für Dogmatik an der Universität Freiburg und seit dem 1. August die neue Dekanin der Theologischen Fakultät.
