Das Potential des einzigen Korns

29. Juni (Gottesdienst unter den Bäumen)

13. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

Apostel Petrus und Paulus 2 Tim 4-6.8.17-18
Hoffnung der aufgehenden Saat Mt 13.31-32

Prediger: Florian Joos

Ein Mann, ein Acker, ein Senfkorn.

Nur ein einziges Senfkorn. Das hört sich fast wie lächerlich an. Normalerweise werden tausende von Saatkörnen ausgesät, hier ist es nur ein einziges.

Aber stellen wir uns einen komplett sterilen Acker vor ganz ohne Saatkorn.

Und auf der anderen Seite einen Acker mit nur einem einzigen Senfkorn: das macht allein schon einen wesentlichen Unterschied.

Zumindest für den Mann, der es in den Boden legt.

Er wird immer wieder danach schauen, ob da was aus dem Boden kommt. Er wird hoffen, er wird giessen und pflegen, er wird nachdenken, was er tun kann, dass diese einzige Pflanze wächst.

Auch nur durch dieses einzige Korn ist mit dem ganzen Acker bereits eine Hoffnung verbunden.

Denn der Mann legt das Korn in die Erde, weil er einen Wunsch hat, eine Vorstellung, eine Idee von einem grossen Baum, in dem Vögel nisten.

Er sieht das Potenzial von diesem Korn.

Und genau so sieht Gott das Potenzial in jedem und jeder von uns.

Dieses Korn, das der Mann in den Acker legt, könnte ein Bild sein für einen einzigen Gedanken, den Gott hineinlegt in jedes von uns.

Manchmal reicht ja ein einziger Gedanke, ein einziges Wort, das ins Herz trifft, um Leute aus der gewohnten Bahn zu werfen, so wie es bei Paulus passiert ist.

Mit diesem Senfkorn könnte so ein Wort oder sowas wie ein Mantra gemeint sein, das uns von Jesus ins Ohr geflüstert und vom Heiligen Geist ins Herz gelegt wird.

Und dieses Mantra lautet:

«Du bist immer schon geliebt.»

Die Saat dieses Wortes in ein menschliches Herz gepflanzt, kann weitere Gedanken hervorbringen:

Wenn ich immer schon geliebt bin, dann bin ich kein Zufallsprodukt.

Wenn ich immer schon geliebt bin, dann gibt es einen Platz und eine Aufgabe für mich.
Wenn ich immer schon geliebt bin, dann hat mein Leben eine Bedeutung und einen Sinn.
Und wenn ich immer schon geliebt bin, dann kann mich nichts von dieser Liebe trennen. Auch der Tod nicht.

Dieses ewige Wort, diese Saat der Liebe, hat das Potenzial, die Einstellung zum Leben zu verändern. Sowohl zum eigenen Leben als auch zu dem der anderen. Denn auch allen anderen ist ja genau das gleiche Wort als Same in die Seele gelegt: Du bist immer schon geliebt.

Leider müssen wir aber zur Kenntnis nehmen, dass die Saat aus verschiedenen Gründen nicht aufgeht oder dass sie am Wachsen gehindert wird. Oder dass der Feind den Acker mit dem Samen des Hasses geradezu überflutet.

Allein der Weltfussballverband, die FIFA, hat in den letzten drei Jahren über zehn Millionen Hasskommentare gegen Fussballteams, Sportler und Trainer aus den sozialen Medien filtern lassen.

Hass hat derzeit Hochkonjunktur. Hass gegen jeden und alles, was anders ist, was aus dem Rahmen fällt, was einem nicht passt.

Und genau hier beginnt unsere Aufgabe, hier liegt die Herausforderung unserer Zeit.

Wir haben gegen die Hassflut anzukämpfen mit aller Liebe, zu der wir fähig sind.

Wie Paulus schreibt, haben wir die Aufgabe, den guten Kampf zu kämpfen, den guten Lauf zu vollenden.

Darum sind wir hier als christliche Gemeinschaft:

Wir bringen an Festen wie heute, beim Kaffee Kolo und beim Mittagtisch die verschiedensten Menschen zusammen an einen Tisch.

Wir haben eine Botschaft der Liebe, die an alle Menschen gerichtet ist und darum macht unsere Bildungskommission eine hervorragende Bildungsarbeit.

Wir bauen Vorurteile ab.

Wir beschenken die Asylanten und besuchen die Kranken.

Wir geben Geld für Kinder in Indien.

Wir verteidigen Toleranz und Respekt, Verantwortung und Solidarität in Schulklassen und in der Jugendarbeit.

Wir üben Vergebung statt Vergeltung, weil Jesus, unser Meister, unser Bruder und Vorbild, am Kreuz seinen Feinden vergeben hat.

Das ist der Same, den wir hier in dieser Stadt in den Boden legen, Tag für Tag.

Und ihr alle seid Teil dieser Bewegung. Ihr seid heute hier, weil ihr nicht auf der Seite des Hasses steht, sondern auf der Seite der heiligen Geistkraft.

Aber auch wir können nicht behaupten, dass wir immun seien gegen die Macht des Hasses.

Und darum brauchen wir den permanenten heissen Draht zu Gott, zu Jesus, zum Heiligen Geist und wir brauchen uns gegenseitig, damit wir uns stützen in unserem Glauben und in unserem Engagement.

Und wir sind auch nicht allein gegen den Rest der Gesellschaft.

Es gibt so viele Menschen, egal welchen Glaubens oder Weltanschauung, so viele Menschen guten Willens,

die sich kreativ und bunt, mutig und hoffungsvoll für das Gute einsetzen. Das sind auch unsere Schwestern und Brüder, die mit uns unterwegs sind.

Das Einzige, was uns von ihnen unterscheidet, ist unsere grosse Hoffnung auf Jesus, auf seine Macht und Gerechtigkeit und auf die Begegnung mit ihm am Ende der Zeit.

Und wir hoffen auf seine Kraft, wenn unsere Batterie leer ist, wir hoffen auf seine Führung, wenn wir nicht weiterwissen, und wenn wir diese Welt eines Tages verlassen, dann hoffen wir auf seine Hand, die uns entgegenkommt.

Und mit diesem Gedanken wollen wir durchs Leben gehen und wir wollen ihn an alle weitersagen, die sich danach sehnen: Du bist immer schon geliebt. Amen.