Die enge Tür

20./21. August 2022

21. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C
Lesungen: Jes 66, 18-21; Hebr 12, 5-7.11-13; Lk 13, 22-30

Prediger: Pater Ludovic Nobel

Liebe Mitfeiernde

Das heutige Evangelium von der engen Tür ist oft in Predigten benutzt worden, um zu übergrossen Anstrengungen in Sachen des Glaubens aufzurufen. Wahrscheinlich haben wir schon alle von dem Jansenismus gehört. Nach Meinung der Jansenisten darf der Christ sich nur mit Furcht und Zittern Gott nahen, da die Gnade Gottes nur einer kleinen Zahl von Auserwählten zuteil wird. Sogar einen Roman mit dem Titel “Die enge Pforte” gibt es, der durch die jansenistische Deutung unseres Evangeliums geprägt ist. Andre Gide hat ihn 1909 veröffentlicht. Es ist die Geschichte des jungen Liebespaares Jérome und Alissa. Eine Predigt über unser Bibelwort bestimmt den Lebensweg dieser jungen Liebenden. Sie wollen auf jede Erfüllung ihrer Liebe verzichten, um so schon einen Vorgeschmack des Himmels zu finden. Gide macht in diesem Roman deutlich, wie die Entsagung Alissas und ihre Suche nach vollkommenem, himmlischen Glück hier auf der Erde ihren eigenen Leidensweg zur Folge hat, und wie Alissa sich auch schuldig macht am Lebensglück des von ihr geliebten Jérome. In diesem Roman zeigt ein Schriftsteller, dass die Stelle im Lukasevangelium so nicht gemeint sein kann.

Im heutigen Evangelium, will Jesus sagen, dass kein Mensch bestimmen kann, wer zur Tür hineinkommt. Die Tür ist für alle die gleiche. Es ist die Frage Jesu: Wie handelst du, welche Maßstäbe legst du an? Tröstlich aber sind die letzten Sätze des Evangeliums. Der Hinweis, dass die Vielen aus allen vier Himmelsrichtungen im Reich Gottes zu Tische sitzen werden. Bei Markus gibt es einen ähnlichen Zusammenhang. Jesus sagt den Jüngern: Wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu gelangen. Aber für die fassungslos gewordenen Jünger, die sich keinen Rat mehr wissen, fügt er dann hinzu: Für Menschen ist es unmöglich, aber nicht für Gott, denn für Gott ist alles möglich. Auf diesem Hintergrund kann das Wort von der engen Tür seinen beängstigenden Klang verlieren. Was es allerdings nicht verlieren sollte, ist der Klang, der auf den Ernst der Botschaft hinweist. Es genügt eben nicht, sich damit zu vertrösten, es werde schon alles gut gehen. Es gibt auch ein falsches Vertrauen, das dem Menschen gar nichts mehr zumutet, von ihm gar nichts mehr verlangt. Sagen wir es in Vorstellungen unserer Zeit: Das Reich Gottes ist sicher nicht eine Sache, die uns als Werbegeschenk nachgeworfen wird. Gott will unser freies Ja zu ihm, er will unseren ganzen Einsatz. Er will uns, aber nicht, ohne dass wir dabei mittun. Und diese Mahnung ist mehr als notwendig. Man schätzt zwar etwa zwei Milliarden Christen auf dieser Welt, und dennoch ist die Welt voll Hass, Angst und Krieg, die Christen nicht ausgenommen. Die Mahnung des Evangeliums heißt darum: Bemüht euch mit allen Kräften. Am Ende aber steht die Verheißung für alle Völker der Erde: Es wird mehr Gerettete geben, als unsere Vorstellungen fassen können.

Amen.