Demütig sein

28./29. August 2021

22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C
Lesungen: Sir 3, 17-18.20.28-29 (19-21.30-31); Hebr 12, 18-19.22-24a; Lk 14, 1.7-14

Prediger: Pater Ludovic Nobel

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Sicher ist es euch schon passiert, daß der Priester zu Beginn der Messe die Gottesdienstbesucher von den letzten Plätzen nach vorne geholt hat. Jesus hat es vorgemacht: „Mein Freund, rück weiter hinauf!“

Aber vermutlich habt ihr euch dann gar nicht so geehrt gefühlt, wie das in dem Gleichnis gemeint ist. Denn einem Sprichwort zufolge sind „die besten Plätze in der Kirche, im Krieg und im Kino hinten“.

Spaß beiseite, das Thema der heutigen Liturgie ist Demut oder Bescheidenheit. „Mein Sohn bei all deinem Tun bleibe bescheiden“, „denn wer demütig ist, wird verherrlicht“, haben wir in der heutigen Lesung gehört. Und Jesus im Evangelium lädt uns ein auch auf die Wege der Bescheidenheit zu gehen wenn er sagt: „Wenn du zu einer Hochzeit oder zu einem Fest eingeladen bist, such nicht den Ehrenplatz aus. Denn wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“. Jesus hat diese Bescheidenheit, diese Einfachheit selbst gelebt: Er der Gott war hat sich tatsächlich erniedrigt und ist für uns Mensch geworden…Darum ist es für Jesus so wichtig, dass seine Jünger, und wir auch heute, diese Bescheidenheit und diese Einfachheit leben.

Warum ist aber diese Bescheidenheit so wichtig? Johannes Climacus schreibt zum Beispiel: „Die Quelle des Unterscheidungsvermögens ist die Demut“.

Ist diese Betonung nicht etwas übertrieben?

Diese Neigung zur Demut wurde manchmal sogar verdächtigt. Atheistische Denker wie Nietzsche, Marx und Freud sahen darin eine Entfremdung, ein Mittel für die Starken und Mächtigen, die Kleineren zu zerquetschen, und für die Schwachen eine Art, den harten Kampf des Lebens feige abzulehnen und nicht gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Auf derselben Linie liegt die zeitgenössische Mentalität, die übrigens kaum zur Demut ermutigt. Heute geht es vor allem um Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung. Wir werden dazu ermutigt, wieder erfolgreich zu sein, eine Führungsrolle zu übernehmen usw. All das sind gute Methoden, die sich oft bewährt haben, aber ihr werdet mir zustimmen, dass sie wenig Raum für Bescheidenheit lassen.

Was die Wahl des letzten Platzes betrifft, so ist auch das nicht selbstverständlich. In der Tat lieben wir oft die guten Plätze… Sei es im Theater, bei einem Konzert, im Bus oder im Restaurant….

Also, liebe Brüder und Schwestern, Was ist dann richtig? Bescheidenheit oder Selbstverwirklichung? Beides würde ich sagen…

Denn Selbstverwirklichung oder Selbstbehauptung stehen der Bescheidenheit nicht entgegen. Hochmut hingegen ist das Gegenteil der Demut. Ein hochmütiger Mensch hat keinen Zugang zu Gott, und er ist auch auf Dauer unfähig zu echter menschlicher Gemeinschaft.

Demütig sein, heißt aber nicht, dass man immer alles akzeptieren muss. Es gibt bestimmte Situationen, da mag es nämlich sehr wichtig sein öffentlich aufzutreten und sich für etwas Gutes und Bedeutendes einzusetzen. Mutter Teresa von Kalkutta, war eine überaus bescheidene Frau: Sie diente Gott in den Armen und Schwachen und war nicht darauf aus, irdische Ehren zu empfangen. Dennoch nahm sie am 11. Dezember 1979 den Friedensnobelpreis an, aber nicht für sich selbst, sondern für die Armen. Und sie sprach am 26. Oktober 1985 sogar vor den Vereinten Nationen, aber sie tat es nicht für sich selbst, sondern weil sie von der Liebe Gottes zu allen Menschen Zeugnis ablegen wollte. Die kleine, unscheinbare Ordensfrau scheute sich nicht, den Mächtigen ins Gewissen zu reden.

Wer von Herzen demütig ist, leidet nicht an einem Minderwertigkeitskomplex, sondern er weiß, dass er alles Gott verdankt. In diesem Sinn ist er bemüht, seine Talente und Gaben sinnvoll und verantwortungsbewusst einzusetzen. Demut bedeutet Mut zum Dienen und ist mit einem furchtlosen Zeugnis für Wahrheit und Gerechtigkeit verbunden!

Die starken Worte des Evangeliums, die nicht unbedingt wörtlich zu nehmen sind, sollten uns daher zum Nachdenken anregen und uns ermutigen, in der Nachfolge Christi die Kleinen, Schwachen und Sünder zu erreichen, und das sogar unter Missachtung mancher Konventionen der Welt.

„Mein Sohn, erfülle alle Dinge in Demut“, lehrt uns der weise Ben Sirac.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, erkennen wir diesen Humus, diesen Nährboden, aus dem wir stammen, diese Erde, die uns geboren hat.

Trotz unseres Wunsches nach Größe und Anerkennung sollten wir erkennen, dass wir oft demütig und hilflos sind, angesichts von Leid und Tod, Krankheiten, beruflichen oder familiären Schwierigkeiten. Ja, Demut bedeutet zu erkennen, dass wir trotz unseres guten Willens nicht alles beherrschen, dass nicht alles in unseren Händen liegt. Aber, dass wir die anderen brauchen, dass wir Gott brauchen, seine Gegenwart, seine Unterstützung, seine Rettung.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, lasset uns in die Dynamik der Demut eintreten. Mit Christus wollen wir uns erniedrigen, um mit ihm erhöht zu werden und im wohltuenden Licht Gottes zu leben.

Amen